…und nicht das Butterbrot vergessen!

Manch einer erinnert sich bestimmt noch an die Worte von Herrn Hottendorf (Ausbilder für Betriebsdienst im Eisenbahnverkehr) über die wir geschmunzelt haben: „Nicht das Butterbrot vergessen und den Stock zum Wölfe-Abwehren!“ Das dies ein ernst gemeinter Ratschlag war durfte ich auch schon einmal am eigenen Leib erfahren.

Es ist Sonntag, 09.08.09. Vor Dienstbeginn festgestellt dass der Wäschetrockner die kurzärmligen Hemden noch nicht fertig hat. Grummeln, langärmlig angezogen. Noch mehr Grummeln, wir haben 30 Grad…
14:05 Uhr.Ankunft in Lüneburg in der Abstellung. Meldung bei der BÜ „Moin, Schicht 8703 tritt zum Dienst an.“ Dann Verwunderung, kein Zug in der Abstellung. Anruf in der BÜ: „Wo isn mein Zug?“ „Gleis 302, Bahnhof Westseite.“
Oh mein Gott, Plan nicht richtig gelesen! Den 10-min. Fußweg in 3 min absolviert und schweißgebadet (und das nicht nur bildlich gesprochen) am Zug angekommen. Ab vom Hof und auf nach Harburg. Dort steht im Plan ein A3 drin. Ich steh also nun am Gleis 1, Zug ist geräumt, keine Ablösung in Sicht und der Fdl knipst ein ZS1 zum wegrangieren an. Anruf in der BÜ: „Wie jetzt, der knipst da ein ZS1 an… Ich schau mal eben wer Dich ablöst, eigentlich sollte der aber am Bahnsteig stehen bleiben.“ Kurz darauf rauschte meine Ablösung an und mein Tag sollte weiter gehen.
Gastfahrt zum Hbf, dort dann Wechsel auf nen 8er-Park Richtung Bremen. Innere Unruhe taucht auf. Das letzte mal mit nem 8er liegt locker 6 Wochen zurück und zwischenzeitlich ausschließlich die flotten 4er gefahren. Ach, wird schon schief gehen.
Hin nach Bremen, alles gut, alle Bahnsteige sicher angehalten, alles hat gepasst. Schön, geht doch noch.
Auf dem Rückweg setzt Regen ein. Schwarze Wolken über Hamburg tauchen auf. Blitze zucken. Kurz vor Lauenbrück dann die Schreckensmeldung: „So, Du fährst nur bis Buchholz, machst dort die Wende nach Bremen. Die Strecke ist wegen starker Unwetterschäden nicht befahrbar. Schienenersatzverkehr ist bestellt, alle Fahrgäste raus.“
Großes Grummeln. Ich mag doch die Strecke nicht! Wissen die das denn nicht? Na gut, erstmal anhalten und die frohe Kunde an die Fahrgäste verbreiten denn ich erreiche meinen FB nicht. Jubelnde Begeisterungsrufe schallen durch den Zug, alle haben große Lust mit dem Bus zu fahren.
In Lauenbrück steht ein IC einsam an der anderen Bahnsteigseite. Der Lokführer fragt wie weit ich denn fahre, er soll hier erstmal stehen bleiben. Der sah noch gut gelaunt aus.
Ankunft in Buchholz. Dort scheint die frohe Kunde nicht verkündet worden zu sein, der Bahnsteig ist knallvoll mit Fahrgästen die nach Türöffnung in den Zug wollen. Wieder eine Durchsage gemacht dass der Zug NICHT nach Hamburg fährt sondern nach einer Wende wieder nach Bremen zurück muss. Sicherheitshalber schließe ich das Seitenfenster, dort brüllt man mir Fragen rein über Fahrpreiserstattung und ähnliches.
Leider habe ich mein Unsichtbarkeits-Cape nicht dabei und muss mich nun so zur Lok durchkämpfen. Hier wäre der Stock zum Wölfe-Abwehren echt angebracht gewesen. Wie lange braucht man um im Normalfall die 8 Wagen abzulaufen? Knapp 2 min. würde ich sagen. Ich aber musste mich durch den Fragen-Dschungel und durch den Böse-Blicke-Bach entlang des Schlechte-Laune-Gebietes in sage und schreibe 10 min. nach vorn kämpfen.
Bei Regen dann ab zurück nach Bremen. In Lauenbrück steht der IC immer noch. Im Vorbeifahren winke ich dem Lokführer aufmunternd zu. Christian S. hat ja zu uns gesagt: „Und seid immer nett zu anderen Lokführern“.

In Bremen dann gewendet und mit Schaufeln den Zug gesäubert, der war inzwischen müllig. Am Bahnsteig dann die nächsten Tumulte. Die Damen und Herren vom Servicepoint verbreiteten die frohe Kunde dass heute wohl keiner mehr nach Hamburg kommt. In der Zugzielanzeige steht aber dass wir bis nach Hamburg fahren. Fragen. Seeehr viele Fragen „Warum fahren Sie denn wenn der IC hier nicht fährt?“ „Fahren Sie auch nur bis Buchholz?“ „Wie geht es da denn weiter?“ „Excuse me, how can i get to Ottersberg?“ „Hassu ma Feuää?“
Anruf in der BÜ: „Ja, da ist noch alles dicht, fahr aber mal los, mal sehen was draus wird“
Und das ist der Moment wo ich auf meine Butterbrotdose schiele. Hab ich noch genug Vorrat? Hmm, bis Mitternacht sollte das langen…
Wieder in Lauenbrück winke ich dem inzwischen frustrierten Lokführer des IC erneut zu und frage mich ob er wohl genügend Butterbrot dabei hat.
Dann die erettende Botschaft aus der BÜ „Du fährst dann jetzt doch bis Hbf durch, setzt Dich aber dringend mit dem Fdl in Buchholz in Verbindung, da gibts was zu beachten!“

Anruf beim Fdl Buchholz:“ Jau, es geht für Dich weiter über Jesteburg und Du kommst an einen kurzen Bahnsteig, der hat ca. 120 Meter.“ „HAHAHA, ich hab aber 240 Meter! Und Streckenkunde hab ich auch nicht!“ „Ach, da machste einfach ne Durchsage dass aus den letzten 4 Wagen keiner aussteigen soll und auf der Strecke fährste dann ein bisschen langsamer“
Die Durchsage reicht mir nicht. Ich (inzwischen rolle ich mit nur noch 20 km/h weiter um Zeit zu gewinnen) beauftrage meinen FB damit die Türen der 4 letzten Wagen abzusperren und mache mehrfach eine Durchsage dass wir nun doch „nach Haus“ kommen und der Ausstieg in Buchholz ein wenig anders abläuft. Die Fahrgäste nehmen das aber locker, sie sind schließlich froh dass es weiter geht.
Dann ohne Streckenkunde nach Vorschrift mit max. 100 km/h über Jesteburg nach Harburg. Es ist dunkel, sehr nebelig, Tiere schauen mich erschrocken an was ich denn um diese Zeit hier mache. Ein wenig unwohl ist mir schon. Dann taucht Maschen vor mir auf. Das kenn ich! Hier kenn ich mich schon fast wieder aus! Ist zwar GzGl aber schon nah dran an der üblichen Strecke!
Vor dem Hbf ruft mich dann der Fdl an und sagt mir ich solle den Zug dann nicht wegrangieren, der darf am Bstg stehen bleiben so spät wie ich rein komme. Im Hbf rufe ich die BÜ an um zu erfragen wer mich ablöst um ihm zu sagen dass der Zug nicht in der Abstellung steht und dass ich nun erleichtert in Hamburg angekommen bin. Zwar mit Verspätung aber dann doch heile angekommen. Der BÜ-Mensch scheint aber schlechte Laune zu haben (Hat er evtl. kein Butterbrot mehr?): „UND WANN WOLLTEST DU MIR DIE VERSPÄTUNG MELDEN???“
Na, jetzt! So ein Blödmann, kann der mich nicht verstehen? Ich rufe meine Ablösung an, trinke noch ein Käffchen mit ihm und lasse mich als Gastfahrt dann nach Haus bringen.

Ab heute packe ich mir dann immer ein bis zwei Scheiben Brot mehr ein. Kann ja sein dass man die braucht oder mal eine an jemanden abgeben muss…

 

So, und falls jemand noch ne Erklärung zu den ganzen Abkürzungen braucht: Einfach hier nen Kommentar posten…

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